Kreis Steinfurt: Kein Abi-Jahrgang an Gymnasien
Veröffentlicht: Montag, 26.01.2026 12:49
An den Gymnasien im Kreis Steinfurt macht im Frühjahr 2026 kaum jemand Abitur. Weil NRW von acht Jahren Gymnasium auf neun Jahre zurückkehrt. Welche Folgen hat das für unsere Wirtschaft in der Region und die Hochschulen? Und was bedeutet das für junge Menschen, die sich auf eine Ausbildung oder ein Studium bewerben? Klären wir im Thema der Woche aus der Region.

An fast allen Gymnasien im Kreis Steinfurt fällt das Abitur in diesem Jahr aus. Der Grund ist die Rückkehr von acht Jahren Gymnasien auf neun Jahre in NRW. Der nächste Abi-Jahrgang macht erst im Jahr 2027 den Abschluss.
Fällt ein kompletter Abi-Jahrgang weg?
An den Berufskollegs und den Gesamtschulen beträgt die Schulzeit immer schon neun Jahre. Dort laufen die Abi-Prüfungen im Frühjahr ganz normal. Es gibt also einen Abi-Jahrgang. Er ist nur deutlich kleiner: 750 Schülerinnen und Schüler wollen in diesem Jahr im Kreis Steinfurt Abitur machen, schätzt die Bezirksregierung Münster. Im letzten Jahr waren es knapp 1.400 Absolvent:innen.
Bündelungsgymnasien in Rheine und Ibbenbüren
Für Schülerinnen und Schüler, die eine Klasse wiederholen oder im letzten Jahr durchgefallen sind, gibt es eine Lösung. Sogenannte Bündelungsgymnasien bieten auch in diesem Jahr das Abitur an. Im Kreis Steinfurt sind es das Emsland-Gymnasium in Rheine und das Kepler-Gymnasium in Ibbenbüren.
Folgen für Unternehmen im Kreis Steinfurt
Der kleinere Abi-Jahrgang fällt in eine Zeit, in der Unternehmen sowieso schon Probleme haben, Ausbildungsstellen zu besetzen. Von den Handwerksbetrieben sagt etwa jeder siebte: Dieses Jahr wird es schwieriger, passende Azubis zu finden. Das ist das Zwischenergebnis einer Umfrage der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf. Die Mehrheit (69%) der Handwerks-Unternehmen geht aber davon aus, dass der kleinere Abi-Jahrgang keine Auswirkungen hat. Das könnte daran liegen, dass viele Azubis im Handwerk andere Schulabschlüsse haben. Die mit Abitur kommen oft von einem Berufskolleg oder einer Gesamtschule. Und da laufen die Abi-Prüfungen auch in diesem Jahr ganz normal.
Weniger Bewerber:innen für duales Studium
Die Auswirkungen seien überschaubar, sagte uns auch ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Münster. Weil nicht alle jungen Menschen direkt nach dem Abi eine Ausbildung beginnen, kämen auch Abiturient:innen aus dem Vorjahr auf den Arbeitsmarkt. Beim dualen Studium allerdings werde der kleinere Abi-Jahrgang deutlicher spürbar. Das zeigt sich auch beim Tiefkühlkosthersteller Apetito aus Rheine, bestätigt Heike Verlage, Referentin Personal.
Wer ein duales Studium macht, absolviert eine Lehre in einem Unternehmen und studiert parallel. Bewerberinnen und Bewerber in der Region haben in diesem Jahr wohl besonders gute Chancen auf einen Platz. Davon geht die IHK aus.
Martinum Emsdetten ohne Abi-Jahrgang
Auch am Gymnasium Martinum in Emsdetten gibt es aktuell keine Abiturienten und Abiturientinnen. Macht sich das an der Schule bemerkbar? Das haben wir Svea und Emilie aus der neuten Klasse gefragt.
Zusätzlicher Jahrgang an Gymnasien
Kein Abitur in diesem Frühjahr - das klingt nach einem entspannten Schuljahr an den Gymnasien im Kreis Steinfurt. So ganz stimmt das nicht, sagt Olaf Cimanowski, Schulleiter am Gymnasium Martinum in Emsdetten:
Zum einen stelle sich die Schule auf neuen Regeln für das Abitur und die Oberstufe ein. Zum anderen kommt nach den Sommerferien mit den fünften Klassen ein zusätzlicher Jahrgang an die Gymnasien. Am Martinum beispielsweise sind es etwa 100 Kinder mehr.
Mehr Räume und mehr Lehrkräfte
Viele Gymnasien brauchen mehr Platz und haben umgebaut oder sind noch dabei. Außerdem wird mehr Personal benötigt. Die Gymnasien haben in den letzten Jahren Lehrkräfte eingestellt. Und sie erstmal ausgeliehen, zum Beispiel an Grundschulen. Diese Lehrerinnen und Lehrer kommen zum Sommer zurück. Trotz der Herausforderungen ist Schulleiter Cimanowski in Emsdetten froh, dass die Schülerinnen und Schüler bald wieder ein Jahr länger am Martinum sind.
Hochschulen: Fällt der NC für einige Fächer?
Die Uni Münster geht davon aus, dass sich zum Sommersemester weniger junge Menschen auf einen Studienplatz bewerben. Deshalb wird überlegt, den Numerus Clausus für einige Fächer abzuschaffen. Da würde die Abitur-Note dann keine Rolle mehr spielen, zum Beispiel für Sozialwissenschaften oder Wirtschaftsinformatik. Die Uni Münster entscheidet Ende des Monats darüber. Trotz des kleineren Abi-Jahrgangs rechnet die Hochschule mit mehr als 40.000 Studierenden in der zweiten Jahreshälfte. Aktuell sind es etwa 42.000.
Uni und FH Münster machen mehr Werbung
Auch die Fachhochschule Münster mit dem Campus in Steinfurt erwartet weniger Bewerbungen. Auch an der FH könnte der Abi-Schnitt für einzelne Fächer sinken oder ganz wegfallen, sagte uns eine Sprecherin. Für die Hochschulen ist es wichtig, dass möglichst viele Studienplätze besetzt sind. Zum Teil hängt davon ihre Finanzierung ab. Deshalb machen die FH und die Uni Münster aktuell verstärkt Werbung – zum Beispiel im südlichen Niedersachsen. Dort gibt es keine Umstellung an den Gymnasien und einen ganz normalen Abitur-Jahrgang.
Hintergrund: Von G9 auf G8 und zurück
Im Jahr 2005 beschließt die rot-grüne Landesregierung in NRW, das Gymnasium zu verkürzen - von neun auf acht Jahre. Von Anfang an kommt von Schüler:innen, Eltern und Lehrkräften viel Kritik am "Turbo-Abi". Zum Schuljahr 2019/20 macht die damalige CDU-FDP-Regierung eine Kehrtwende: Die Gymnasien wechseln zum Abitur nach neun Jahren zurück.
