Erfolgsstory aus Emsdetten
Veröffentlicht: Montag, 12.01.2026 06:00
Gerade mal sechs Wochen nach dem plötzlichen Aus für den Emsdettener Gitterproduzenten GitterStar haben 70% der Belegschaft schon neue Jobs. Unser Thema der Woche aus der Region.
ACHTUNG - Update! Diesen Artikel schreiben wir laufend weiter - so, wie die Geschichte sich entwickelt.

Albtraum: Du kommst zur Arbeit - Betriebsversammlung. Dann sagt jemand, dass die Firma bald Geschichte ist - ohne jede Vorwarnung. So geschehen bei GitterStar in Emsdetten. Der "jemand" ist Rechtsanwalt Stefan Dokters aus Emsdetten und hat den Auftrag, das Unternehmen abzuwickeln. Kein Nachfolger in der Unternehmerfamilie, ein Kauf-Interessent: abgesprungen. Und dann die Wende: Dokters geht davon aus, dass bis Ende Januar mindestens 70% der GitterStar-Leute neue Jobs haben. Nach gut sechs Wochen glaubt er auch, dass das "Wie" der Schließung akzeptiert ist.
Gitterstar - Chronologie einer Erfolgsstory
Doch alles der Reihe nach: Als Dokters Ende November in 65 ungläubige Gesichter blickt, ist schnell klar, dass es bei GitterStar im Grunde um ein gesundes Unternehmen geht. Also eben keine der typischen Abwicklungen, wo jemand "den Laden vor die Wand gefahren" hat.
- Donnerstag, 27. November: Dokters tritt vor die GitterStar-Belegschaft - mit einer Nachricht, mit der niemand gerechnet hat. GitterStar ist bald Geschichte – alle Anwesenden bekommen noch in der Betriebsversammlung die Kündigung.
- Freitag, 28. November: Tag eins, nachdem die Bombe geplatzt ist: Die GitterStar-Leute treten geschlossen zur Arbeit an und zeigen, was Teamgeist ist. Es werden Aufgaben verteilt: Der Einkauf beginnt, laufende Bestellprozesse zu beenden, der Vertrieb beendet die Auftragsannahme. Es beginnt die sofortige Bestandsaufnahme des vorhandenen Vermögens – und natürlich der Verbindlichkeiten. Die Personalabteilung bekommt den Auftrag, Mitarbeiterprofile zu erstellen. Zudem gilt es, in Kleingruppen und Einzelgesprächen Vertrauen aufzubauen und die Aufgaben zur erklären, die vor der Belegschaft stehen.
- Samstagmorgen: Dokters' Handy steht an diesem Wochenende nicht mehr still. Wichtigster Punkt: Mit dem Verein Emsdetten Einfach Machen wird schon Samstagnachmittag ein Vermittlungskonzept für die GitterStar-Beschäftigten abgestimmt und vereinbart.
- Montag, 01. Dezember: Das erste Wochenende nach der Betriebsversammlung ist vorbei: Alle hatten Zeit, den Schock zu verdauen - oder eben nicht - und sind wieder geschlossen am Start! In der Buchhaltung startet sogar eine neue Mitarbeiterin, die als Ersatz für eine langzeiterkrankte Mitarbeiterin vor der Herausforderung nicht zurückschreckt. Weitere Aufgaben: Wer informiert wen? Musterschreiben werden erstellt – Einzelfragen geklärt. Die Verwaltung wird auf die weitere Abwicklung umgestellt und Aufgaben neu verteilt.
- Freitag, 05. Dezember: Eine Liste mit Steckbriefen von insgesamt 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht an den Verein „EMSDETTEN.EINFACH.MACHEN“, eine Initiative führender Emsdettener Unternehmen mit aktuell 23 Mitgliedern. Ziel des Vereins ist die dauerhafte Bündelung und Koordination des lokalen Engagements der Wirtschaft und die strategische Verbesserung der Standortbedingungen durch gemeinsame Aktivitäten.
- Montag, 15. Dezember: Die Veränderungen werden sichtbar. Die ersten zwei von sechs Pressrostlinien werden abgebaut. Spätestens jetzt wird den gestandenen Männern und Frauen klar: Es gibt keinen Weg zurück. Rechtsanwalt Stefan Dokters ist kommunikativ direkt dabei. Der Verkauf der Maschinen stellt schlichtweg die Liquidität für die Lohnabzahlungen sicher.
- Freitag 19. Dezember: Der Betrieb schließt wie in den Vorjahren für die betrieblichen Weihnachtsferien.
- Montag 05. Januar: Für die meisten Beschäftigten beginnt der letzte Monat bei GitterStar. Der letzte Auftrag in der Metallproduktion läuft an und wird fertiggestellt. Das war ursprünglich erst für Ende Januar angepeilt.
- Mittwoch 07. Januar: Metallrostproduzenten aus ganz Europa nehmen Ortstermine in Emsdetten wahr. Auf den Maschinen werden ab sofort nur noch zu Demostationszwecken Gitterroste produziert.
- Donnerstag 08. Januar: Von insgesamt 65 Leuten bei GitterStar suchen noch 11 aus der Verwaltung und 16 aus der Produktion eine neue Stelle. Mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Emsdetten vereinbart Rechtsanwalt Stefan Dokters, dass die Liste mit den noch zu vermittelnden Arbeitnehmern (natürlich anonymisiert) über einen Newsletter der Stadt an die lokalen Betriebe verschickt wird.
- Ende Januar soll es eine kleine Abschlussfeier mit der ganzen Belegschaft geben.
- Und die Aussichten am 12.01., Herr Dokters? "Ich gehe davon aus, dass wir bis Ende des Monats über 70 Prozent des Teams eine neue berufliche Heimat vermitteln konnten. Unsere Bemühungen gehen aber auch im Februar weiter – denn die vollständige Liquidation der Gesellschaft (Beendigung aller Vertragsverhältnisse, vollständige Umwandlung des Anlage- und Umlaufvermögens in Bankvermögen zur Erfüllung aller Verbindlichkeiten) ist noch lange nicht abgeschlossen. Abhängig von den Kündigungsfristen scheiden dann auch die restlichen Arbeitnehmer aus – am 30.06.2026 enden dann die letzten zwei Arbeitssignale – wenn es nicht vorher zum Neubeginn bei einem neuen Arbeitgeber kommen sollte."
Der Kniff mit den Beschäftigten
Und warum hat es bis jetzt so gut geklappt - und das praktisch ab Tag eins? Für Rechtsanwalt Stefan Dokters ist gute Vorbereitung und Kommunikation das A und O in so einem Fall. Und dann natürlich, "dass wir den Bewerbungsprozess schlicht umgekehrt haben."
Ein Hochglanz-Werbeprospekt für Fachkräfte, quasi. Das hat die Erfolgs-Chancen vervielfacht.
Gleichzeitig war der Rechtsanwalt ständig im Kontakt mit dem Unternehmer. Vorbereitung ist eben alles.
Denn das ist und bleibt das eigentliche Hauptgeschäft: Alles zu Geld machen, was geht, um möglichst alle Ansprüche zu bedienen. Auch da sieht es gut aus: Bis zum Monatsende dürften 70% der Maschinen und sonstige Hardware verkauft sein. "Die Stimmung im Betrieb ist deutlich besser als die äußeren Umstände es erwarten lassen," sagt Dokters. Er hat das Verständnis der Belegschaft gewonnen. Den Austausch mit den Beschäftigten bezeichnet er als "offen, vertrauensvoll und verbindlich".
UPDATE: Gute Chancen für GitterStar-Beschäftigte
Der Erfolg gibt Dokters Recht. Hier ein paar Beispiele, wie es für die "GitterStarler" läuft: Rund 70 Prozent der Belegschaft haben Aussicht auf einen neuen Job, unter anderem beim Strahlanlagen-Spezialisten Sinto Agtos. „Wir expandieren“, sagt Personalerin Loraine Körner – und griff dankbar zur Liste mit den Mitarbeiter-Steckbriefen.
Stand heute (Di., 13.01.) fangen bei Sinto Agtos am 1. Februar zwei Leute aus dem GitterStar-Team neu an - in der selben Abteilung, damit sie ein vertrautes Umfeld haben. Je nach Entwicklung stellt Sinto Agtos zwei bis drei weitere "GitterStarler" ein. "Das prüfen wir aktuell," sagt Loraine Körner. Die beiden Neuzugänge haben sie jedenfalls schon mal überzeugt.
Das lässt doch hoffen. Und es zieht immer weitere Kreise: Heute (Di., 13.01.) hat sich "Wohnen in Rheine" bei RADIO RST gemeldet, die suchen auch noch Leute. Wenn die Geschichte eins zeigt, dann das: Mit vereinen Kräften lässt sich mehr bewegen als allein - auch, wenn man sich dafür zuerst selbst bewegen muss. Wie Unternehmer Dirk Schulte-Austum vom gleichnamigen Holzhandel, beispielsweise. Als er von GitterStar hörte, hat auch er sich natürlich erst gefragt "Was mache ich hier mit Metallern?" Und dann hat auch er eine Mitarbeiterin eingestellt. Und? Wie ist „die Neue“?
Dirk Schulte-Austum gibt der Emsdettener Unternehmenswelt einen Anteil daran, wie es gelaufen ist. Außerdem: Gut qualifizierte Leute sind halt auch gut zu vermitteln. Und was können andere aus der GitterStar-Story lernen?
Interessiert, wie es weitergeht? Natürlich sprechen wir auch noch mit einer GitterStar-Mitarbeiterin, wie es für sie und insgesamt gelaufen ist und noch läuft. Und wir lassen uns die GitterStar-Story von einem Wirtschaftsexperten einordnen. Unser Thema der Woche aus der Region - hier zu lesen, sobald es sich weiter entwickelt.