Themenwoche: Das Problem mit dem Nitrat

Es ist ein seit vielen Jahren bekanntes Problem: Die Böden und unser Grundwasser leiden unter der oft zu hohen Nitratbelastung. Weil durch die Landwirtschaft zu viel Gülle auf die Felder kommt. Wir machen zwei Jahre nach unserer ersten Themenwoche ein Update und checken was heute anders ist. Wie ist die Situation in unserer Region? Wie sehr belastet Nitrat unsere Natur? Welche Lösungen würden helfen?

© PXHERE.COM

Im Kreis Steinfurt gibt es rund 4.300 Hausbrunnen, also Kleinanlagen aus denen Menschen Grundwasser anzapfen. Besonders viele Brunnen gibt es in Lienen (657), Westerkappeln (439), Lengerich (389) und Metelen (374). Und für die gibt es schlechte Nachrichten. Eine aktuelle Messaktion aus Juli zeigt: Das Grundwasser in der Region ist voll mit Nitrat. Pro Liter Wasser wären 50 Milligramm Nitrat ok - in Lengerich ist der Wert fast dreimal so hoch. Eine Hauptursache ist die stickstoffhaltige Düngung mit Gülle, Gärresten aus Biogasanlagen und Mineraldünger in der Landwirtschaft. Auch Autos, der Verkehr und Industriefabriken sind Faktoren, die die Nitratbelastung beeinflussen. Die Meinungen und Prognosen zu dem Thema fallen ziemlich unterschiedlich aus – je nachdem, wen wir fragen.

Landwirtschaft vs. Umweltschutz

Albert Rohlmann, als WLV-Kreisverbandsvorsitzender oberster Interessenvertreter der Landwirte im Kreis Steinfurt, sagt: „Wir sind da durch die neue Dünge-Verordnung im letzten Jahr gut vorangekommen und können die Gülledüngung heute viel besser individuell steuern. Wir haben moderne Technik und das Problem im Griff." Die EU-Kommission hatte Deutschland verklagt, weil das Grundwasser hier seit über 15 Jahren mit zu viel Nitrat belastet ist. Nach langem und schwierigen Verhandeln mit der Bundesregierung hat die Europäischen Kommission die neue Dünge-Verordnung aus dem letzten Jahr jetzt erstmal aktzeptiert. Das Verfahren ist allerdings noch nicht eingestellt, es steht nur auf Pause. Heißt: Jetzt geht es darum, ob die Messwerte bei uns wirklich besser werden oder wir die angedrohten Strafen von rund 800.000 Euro pro Tag zahlen.

Der Naturschutz im Kreis Steinfurt sieht das anders, als der Vertreter der Landwirtschaft. Gisbert Lütke vom NABU-Kreisverband meint: „Wir stellen keine Verbesserung fest. Etliche Messwerte sind nach wie vor viel zu hoch. Wir haben zu viele Tiere und zu viel Gülle.“ Das hat Folgen. Zum Beispiel droht unser Trinkwasser Reinigungen zu brauchen. Dass wir das Nitrat-Problem noch lange nicht im Griff haben, bestätigt auch Harald Gülzow von der Organisation VSR-Gewässerschutz: „Wir haben zuletzt vor allem im nördlichen Kreis Steinfurt bei Brunnenwasseruntersuchungen zum Teil drastisch erhöhte Nitratwerte festgestellt.“ Die neue Dünge-Verordnung geht ihm nicht weit genug. Mehr ökologische Landwirtschaft - das ist für den Gewässerschutz die Lösung für das Nitratproblem. Aktuell sind rund 13 Prozent unserer Landwirtschaft ökologisch. Da gehe mehr.

Konventioneller Landwirt und Öko-Bauer

Fakt ist: Es landet immernoch zu viel Gülle auf den Feldern, vorallem durch die Massentierhaltung wo mehr anfällt, als gebraucht wird. "Schiebt die Schuld nicht nur auf Landwirtinnen und Landwirte", fordert Andre Gauxmann aus Ochtrup. Die Verbraucherinnen und Verbraucher gehören auch dazu. Das zeigt ein aktuelles Beispiel: Für Fleisch mit dem Tierwohl-Logo bekommen Landwirt:innen nur noch die Hälfte vom ursprünglichen Bonus gezahlt. Weil zu wenig Menschen das Fleisch kaufen...

© RADIO RST

"Der Verbraucher entscheidet mit seinem Einkauf darüber, wie die Landwirtschaft aussieht" - das sagt Andre aus Ochtrup, konventioneller Milch-Landwirt. Martin aus Greven ist ökologischer Landwirt und sieht das anders. Er sieht die größte Verantwortung bei der Politik. Zwei Drittel des in Deutschland hergestellten Fleisches gehen mittlerweile in das Ausland. Das sei zu viel. Martin fordert zum Beispiel, dass es Grenzen bei der Tierzahl gibt. Zu viele Tiere stehen auf zu engem Platz rum und so entsehen Probleme wie das Nitrat im Grundwasser.

© RADIO RST

Die Wissenschaft fordert, dass mehr Landwirt:innen umrüsten und ökologisch arbeiten. Bei ökologischen Höfen stehen die Tiere auf Stroh, dadurch entsteht Mist statt Gülle. Und das schont den Boden vor Nitrat. Für Martin wäre es wichtig, dass die Landwirtschaft sich selbst mehr vermarktet und so weniger abhängig von Zwischenhändlern und anderen Stationen ist. Dann wären viele Landwirtinnen und Landwirte freier, um auf ökologische Projekte umzusteigen. Gewässerschützer Harald Gülzow denkt da ähnlich. Jeder vierte Brunnen, den er im Kreis Steinfurt untersucht hat, hatte Werte deutlich über dem Grenzwert von 50 mg pro Grundwasser-Liter. Für ihn eine Frage des Systems: „Unsere Landwirtschaft sollte vermehrt die Regionalität in den Blick nehmen, nicht mehr den Weltmarkt.“ Er wünscht sich, dass die Bauern von ihren Produkten gut leben können. Dafür bräuchte es eben auch Einsichten der Verbrauchenden an der Fleischtheke nach dem Motto „Qualität statt Quantität.“

Dieser Lösung schließt sich Toxikologe Dr. Thomas Schupp von der FH Münster in Steinfurt an. Er sagt, dass Mist, Gülle und Dünger etwa 80 Prozent des Stickstoffes ausmachen, den wir Menschen in die Böden bringen. Rund 14 Prozent enstehen durch Verkehr und Industrie. Der Nitratbericht von 2020 zeigt, dass Nitrat-Messstellen in landwirtschaftlichen Gebieten häufiger zu hoch sind (rund 27 Prozent), als bei Wald- und Siedlungsgebieten (rund 5 Prozent). Viele Faktoren spielen eine Rolle, zum Beispiel die Beschaffenheit der Böden. Damit wir mehr gesunde Natur und Landwirtschaft ermöglichen, sind zu aller erst wir gefragt. Wir alle. Uns selber in die Pflicht nehmen und die Verantwortung nicht einfach weiterschieben. Das fordern RADIO RST und der Experte von der FH Münster in Steinfurt:

© RADIO RST

Die Parteien und Wahlprogramme

Wie es beim Nitrat weitergeht, entscheiden wir bei der Bundestagwahl selber mit. Was plant die FDP? Das verrät Alexander Brockmeier aus Rheine, er sitzt für die Partei im NRW-Landtag und ist Kandidat bei der Bundestagswahl. Die Idee gefällt der Landwirtschaft, dem Umweltschutz eher weniger. Die FDP hat vor, da wo die Nitrat-Karte rot ist zu reagieren und Maßnahmen für weniger Nitrat im Boden einzuleiten. Das wäre dann leider schon zu spät, kritisieren Umweltverbände.

© RADIO RST

Nitrat und Umwelt: Das ist ein Thema bei dem Grünen stark sind. Einer ihrer Kandidaten für den Bundestag ist Jan-Niklas Gesenhues aus Emsdetten. Er und seine Partei planen, ökologische und umweltfreundliche Landwirtschaft mehr zu unterstützen. Das Unterstützungsprogramm für die Landwirtschaft ist im Wahlprogramm schon relativ genau definiert. Es fließt mehr Geld, damit sich das Umrüsten auf Öko noch mehr lohnt.

© RADIO RST

Die Linke und ihr Direktkandidat Gerrit Bersch aus Mettingen sind im Wahlprogramm nah an den Grünen: Sie haben vor, viel Geld in die Landwirtschaft zu investieren um den Umstieg auf ökologisches Landwirtschaften für Landwirtende attraktiver zu machen.

© RADIO RST

Die AFD ist eine relevante Partei, also haben wir auch sie gefragt. Florian Elixmann aus Rheine ist Direktkandidat für die AFD - sie hätten grpße Pläne für die Landwirtschaft und die Nitratbelastung. Was die Alternative zu den EU-Subventionen wären, ist im AFD-Wahlprogramm nicht genauer erläutert. Auch von einer "umweltzerstörenden Energiewende" spricht keine andere Partei. Gut findet die Wissenschaft: Die AFD fordert weniger Monokulturen, wie zum Beispiel beim Mais. Das ist ja auch hier in der RADIO RST-Region ein Problem, welches mit der Nitrat-Belastung zusammenhängt.

© RADIO RST

Die SPD nutzt das Nitrat-Thema vorallem für ihren Wahlkampf und betont immer wieder, dass die Union in NRW und Deutschland zu wenig für das Thema getan hätte. Bei ihren eigenen Plänen bleiben Direktkandidat Jürgen Coße aus Neuenkirchen und das SPD-Wahlprogramm eher wenig konkret.

© RADIO RST

Die CDU sieht uns bei dem Thema auf einem guten Weg. Durch die neue Dünge-Verordnung käme deutlich weniger Nitrat in den Boden, die Ergebnisse wären bald deutlich messbarer. Proiorität hätte erstmal, die Hintergründe von Nitratbelastungen und die Messwerte klarer zu machen, sagt Direktkandidatin und Bundesministerin Anja Karliczek aus Brochterbeck:

© RADIO RST

Weitere Meldungen