
Es passiert jetzt gerade, es passiert in unserem direkten Umfeld: Missbrauch. Trotzdem ist es ein Tabu-Thema. Die Schülerinnen und Schüler an den Kaufmännischen Schulen in Rheine wollen das ändern. Sie haben freiwillig den Projektkurs gegen Kindesmissbrauch und Kinderprostitution gewählt. Bei einem Termin mit der Bundesbeauftragen gegen sexuellen Missbrauch, Kerstin Claus, haben sie die ersten Ergebnisse ihres Kurses vorgestellt: Eine große Ausstellung mit Plakaten, um andere aufzuklären.
"Seid das Umfeld"
Die wichtigste Botschaft: Wenn dir etwas passiert: Du bist nicht Schuld! Oft schämen sich Betroffene von Missbrauch, verdrängen das, was ihnen passiert ist, sprechen nicht darüber. Aus einem Gespräch mit Natalie, einer ehemaligen Schülerin an den Kaufmännischen Schulen, lernen die Schülerinnen und Schüler: Es ist dann so wichtig, dass das Umfeld ein offenes Ohr hat, einfach da ist und unterstützen kann. Für Schülerin Jolina war das eines der wichtigsten Dinge, die sie in dem Kurs gelernt haben.
Natalie wurde selbst im Alter von 2 bis 4 Jahren von ihrem eigenen Opa missbraucht. Raus kam das erst, als sie 12 war und wegen schlimmer Bauchschmerzen operiert wurde. Für sie war dann das beste, dass sie in der Familie und auch bei Freunden drüber reden konnte, dass das Umfeld sie nicht verurteilt hat. In der Schule dagegen hat sie auch Mobbing erlebt - vielleicht auch, weil die anderen teils selbst nicht wussten, wie sie mit so einer Situation umgehen sollen. Deshalb ist Natalie die Aufklärung so wichtig.
Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch überzeugt
Auch der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch, Kerstin Claus, ist es wichtig, dass Projekte wie das des Lehrers Dieter Tebbe an den Kaufmännischen Schulen in Rheine durchgeführt werden:
Sie sagt auch:
Elementar wichtig ist, dass junge Menschen sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Weil, nur wenn ich sozusagen Mechanismen kenne, die mit Täterstrategien zu tun haben, identifiziere ich auch selber besser. Wenn ich in der Gruppe darüber gesprochen habe, bin ich auch das bessere Gegenüber, wenn Freundin oder Freund mit mir über Dinge sprechen will, die er/sie erlebt hat.
Deshalb ist das Projekt auch so angelegt, dass viele Kooperationspartner mit dabei sind und von ihren Erfahrungen berichten können: Die Schulen arbeiten eng mit dem Kinderschutzbund in Rheine zusammen. Dort können sich Betroffene Hilfe suchen oder auch andere Menschen, die Fragen haben. Außerdem war Marco Krause zu Gast. Er leitete die Ermittlungskommission im Missbrauchsfall Münster, der inzwischen mindestens 62 Täter und 70 bis 80 Betroffene umfasst.
Ausstellung in der Schule
Aus all den Informationen, die die Schülerinnen und Schüler gesammelt haben, haben sie dann eine Ausstellung im Schulgebäude initiiert. Dort lesen wir von dem Missbrauchsfall Münster, den Epstein Files und auch Themen wie "Dickpics" oder "Sextortion" werden behandelt. Immer geht es auch darum: Was mache ich, wenn ich selbst so etwas erlebe oder wenn mir Betroffene davon erzählen? Die Schülerinnen und Schüler wollen andere befähigen, dann nicht allein zu sein. Nicht nur deshalb sagen sie: Diese Ausstellung wird niemals ganz fertig sein. Das Projekt soll auf jeden Fall weiterlaufen, auch wenn sie selbst nicht mehr an der Schule sind. Das Projekt gegen Kindesmissbrauch läuft schon seit über 20 Jahren.
Hilfe gesucht?
Ihr habt selbst Missbrauch erlebt, habt die Vermutung, dass jemand anderem etwas passiert ist oder sucht einfach sonst Beratung zu dem Thema? Dann hilft euch der Kinderschutzbund Rheine, die Beratungsstelle Zartbitter in Münster oder auch das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch der Unabhängigen Beauftragten gegen sexuellen Missbrauch.