
Auch der Kreis Steinfurt möchte Modellkommune werden, um in Corona-Fragen mehr Entscheidungsfreiheit zu haben. „Wir erbitten heute die Zustimmung der Politik,“ sagte Landrat Martin Sommer am Vormittag in einer Zoom-Konferenz der Wirtschaftsförderung des Kreises. Der Kreis würde sich dann noch heute bewerben. Der Leiter des Corona-Krisenstabs, Karlheinz Fuchs, fügte hinzu, der Kreis Steinfurt werde sich dafür einsetzen, dass die ganze Region zur Modellregion wird. Die Städte Münster und Osnabrück haben schon Anträge auf Anerkennung als Modellkommunen gestellt.
"Jeden Tag einige tausend Fragen zur Lage"
"Jeden Tag erreichen uns einige tausend Fragen zur Lage," sagt Sommer. 95% der Dinge, um die es gehe, seien auf Kreisebene nicht zu beeinflussen. Sommer bringt es auf den Punkt: "Bei den Dingen, die wir hier auf unserer Ebene entscheiden, ist nichts falsch gelaufen." Er würde nichts anders machen. Es scheitere nicht an den Strukturen.
"Was fehlt, ist der Impfstoff"
Das Impfzentrum am Flughafen Münster/Osnabrück sei in der Lage, jeden Tag 1.500 Menschen zu impfen, 65.000 im Monat. Es sei nur kein Impfstoff da - und da wird der Landrat deutlich: "Die EU hat es nicht gebacken gekriegt, genug Impfstoff zu beschaffen." Darum - und nur darum - sei der Kreis auch beim geplanten Impf-Satelliten in Rheine in letzter Minute zurück gepfiffen worden. Dort gäbe es sonst heute eine zusätzliche Kapazität von 500 Impfungen pro Tag.
Sommer: "Treibe keine Zuständigkeitsspielchen"
Die Rolle Rückwärts beim Impf-Satelliten in Rheine ist dem Landrat quer runter gegangen - RADIO RST hat darüber berichtet. Damals wurde noch sehr viel Impfstoff erwartet - mehr als das Impfzentrum am FMO geschafft hätte. Kurz vor dem Start kam dann der Hinweis vom Land NRW, dass der Bund seine Impfstrategie geändert habe. Impfstoff werde ab sofort in die Arztpraxen geliefert. "Ich treibe keine Zuständigkeitsspielchen," sagt Sommer. Allerdings versuche er auch nicht mehr, alles zu beantworten oder zu erklären.
Kreis Steinfurt landes- und bundesweit gut dabei
Bei aller Kritik an der schleppenden Impfpraxis: "Der Kreis Steinfurt ist sogar noch gut dabei," sagt Fuchs. Bis heute habe es am FMO gut 30.000 Impungen gegeben. 24.000 durch die mobilen Teams kämen dazu. Anders als oft behauptet, bleibe auch kein Impfstoff liegen. Bis heute sind im Impfzentrum 38 Dosen nicht verimpft worden. Eine aufgezogene Spritze sei herunter gefallen und eine tatsächlich übersehen worden. 36 Dosen mit dem Impfstoff von AstraZeneca waren schon aufgezogen - dann kam der Impfstop.
Impfstoff dingend benötigt
Für Sommer und Fuchs steht fest: Es mangelt nur am Impfstoff. Fuchs geht davon aus, dass die 7-Tage-Inzidenz morgen die 100 überschritten hat. Über Ostern werde sie bundesweit um 200 liegen. Und das jetzt, wo die Durchseuchung mit der britischen Mutante erreicht sei. Diese Viren sind 1,5 mal so ansteckend wie die Ursprungs-Form. Sie treffen auch unter 65-Jährige schwer und machen auch Null- bis sieben-jährige Kinder krank. "Kinder stecken Kinder an," sagt Fuchs. Immer häufiger sei bei einer Erkrankung mit der britischen Variante ein Krankheitsverlauf tödlich.
Belegungszahlen der Krankenhäuser gehen hoch
Steigen die Fallzahlen, geht auch die Zahl der Patient*innen in den Krankenhäusern hoch. 70 liegen derzeit in einem der Krankenhäuser im Kreis Steinfurt, mehr als ein Drittel auf der Intensivstation. Unter ihnen sind auch Jüngere, ein Umstand, der den leitenden Mediziner des Kreises unruhig macht. Bundesweit seien 20% der Krankenhäuser voll, 75% hätten Engpässe, nur 35% noch freie Kapazitäten. Was heißt das für den Kreis Steinfurt?
Weiter machen mit dem, was da ist
Impfen wird nicht so gehen, wie es wünschenswert wäre. "Zum Wochenende sind die Landeslager leer," sagt Fuchs, bis auf die Impfstoff-Reserven für die zweite Impfung. Zum Glück biete schon die erste Impfung zumindest Schutz vor einem tödlichen Verlauf. Alles stehe in den Startlöchern, um sofort loszulegen, wenn wieder Impfstoff kommt. "Und dann geht es geordnet weiter," sagt Fuchs, der nichts davon hält, die Prisorisierungen zu verändern: "Der Laden fliegt uns um die Ohren, wenn wir Ausnahmen machen." Schlägereien vor dem Impfzentrum wolle er nicht erleben. Schon jetzt sei es schwierig, eine Linie einzuhalten, weil zwei Mal die Woche neue Vorgaben vom Land kämen.
Kein Mangel an Schnelltests
"Bis wir mit dem Impfen durch sind, haben wir September," sagt Fuchs - wenn's gut läuft - und rückt das zweite Standbein der Corona-Prävention in den Vordergrund: die Tests. Denn die seien massenhaft verfügbar. Auch Testzentren schießen weiter wie Pilze aus dem Boden. Morgen werden es kreisweit 136 sein und insgesamt gibt es, Stand heute, Anträge für 160, Tendenz steigend. Auch geimpft zu sein, heiße ja nicht, nicht mehr ansteckend zu sein. Das macht die Tests zur langfristigen Notwendigkeit. Überhaupt sind sich Sommer und Fuchs einig, was die Devise der Zukunft angeht: Impfen, was das Zeug hält - testen, was das Zeug hält.
Mehr Entscheidungsfreiheit als Modellkommune
Ein negativer Test gibt 24 Stunden Sicherheit. Das macht Dinge planbar und zeichnet sich als Chance ab, aus der wenig hilfreichen Abfolge von Lockdown, Lockerungen und erneutem Lockdown auszubrechen. A propos Lockdown: Kommt mit der 100er Inzidenz die Notbremse im Kreis Steinfurt? "Angesichts der Halbwertszeiten der Vorgaben von Bund und Land ist das noch nicht zu sagen," sagt Sommer. Man ist geneigt, zu verstehen, warum der Kreis Steinfurt die Dinge als Modellkommune lieber selbst in die Hand nehmen möchte.