
Forscher der Uni Münster untersuchen seit gut einem Jahr, ob und wie Strukturen in der katholischen Kirche Missbrauch durch Priester ermöglicht haben. Der Auftrag kommt vom Bistum Münster. Die Experten legen ihren Abschlussbericht im Frühjahr 2022 vor – mit Namen von verantwortlichen Bischöfen oder Personalchefs, hieß es bei der Vorstellung des Zwischenberichts.
Rechtstreitigkeiten vorprogrammiert
Die Uni Münster werde den Betreffenden Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Sollte es dann zu juristischen Auseinandersetzungen kommen, müsse ein Bistum auch mal Mut haben und Geld für einen Rechtsstreit in die Hand nehmen. Im Zwischenbericht ist von 200 Beschuldigten und 300 Opfern zwischen 1945 und 2018 die Rede.
Zugang zum Geheim-Archiv des Bistums
Die Forscher hatten auch Zugang zum Geheim-Archiv des Bistums. Hinweise auf vernichtete Akten gebe es nicht. Allerdings sei schlecht dokumentiert worden. Nach Angaben der Forscher steht schon fest, dass es in Münster ein „massives Leitungs- und Kontrollversagen“ gegeben hat. Zwischen den Bischöfen und den Priestern als Tätern habe es ein Spannungsverhältnis gegeben: Auf der einen Seite der Seelsorger, auf der anderen der Vorgesetzte. Die Sünde zu vergeben, sei dann oft wichtiger gewesen.
Sexueller Missbrauch von der Einzeltat bis zu mehr als zehn Jahren
Die Opfer waren zu 90 Prozent männlich und zum Zeitpunkt des ersten Übergriffs durchschnittlich elf Jahre alt. Es ging von einmaligen Übergriffen bis zu Zeiträumen von über zehn Jahren. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren gab es viele Fälle. "Aber es wäre zu einfach, diesen Anstieg auf die sogenannte sexuelle Revolution zurückzuführen," sagen die Experten. Vielmehr habe der gesellschaftliche Wertewandel die Kirche unvorbereitet getroffen: "Auf die neue gesellschaftliche Situation konnte sie keine Antwort geben."
Studie: Katholische Schamkultur hat sexuelle Übergriffe begünstigt
Den Forschern zufolge verfestigte sich eine spezifische katholische Schamkultur, die das Reden über Fälle sexualisierter Gewalt in der Familie, der Gemeinde und der Bistumsleitung verhinderte. Diese „Grenzen des Sagbaren“ führten dazu, dass Betroffene nur selten den Mut fanden, die Übergriffe zu melden. Wenn sie es taten, reagierte das familiäre und soziale Umfeld häufig mit Unglaube und Abwehr. Diese Sprachgrenzen blieben lange Zeit bestehen und wurden erst mit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahr 2010 durchbrochen.
Auf Intensiv- und Langzeittäter gestoßen
Zahlreiche Taten in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren sind den Forschern zufolge auf Intensiv- und Langzeittäter zurückzuführen, die bis zu 25 Jahre lang Minderjährige missbrauchten. Sofern die Bistumsleitung davon wusste, habe sie mit "schweigenden Arrangements" reagiert und zum Teil auch das kircheneigenen Regelwerks verletzt, indem sie die beschuldigten Priester aus der Gemeinde nahm, statt sie zur Verantwortung zu ziehen oder zu suspendieren.
Therapie statt Strafe für Missbrauchs-Täter
Sie kamen übergangsweise in eine stationäre oder ambulante Therapie und wurden nach einer gewissen Karenzzeit wieder in der Seelsorge eingesetzt. „Den Skandal zu vermeiden und damit die Kirche als Institution zu schützen, aber auch den ‚Mitbruder‘ in seiner priesterlichen Existenz nicht zu gefährden – das waren Motive für diese Vorgehensweise“, hieß es bei der Vorstellung des Zwischenberichts.
Hand auch über rückfällige Täter gehalten
In nicht wenigen Fällen wiederholten sich die Taten. Die Betroffenen wurden dabei zumeist übergangen – kam es überhaupt zu einem Gespräch mit ihnen, so endete es zumeist in einer Vereinbarung wechselseitigen Stillschweigens.
Erst zu Beginn der 2000er Jahre und insbesondere seit 2010 ändert sich der Umgang mit Fällen sexueller Gewalt gegenüber Minderjährigen im Bistum Münster: Inzwischen gilt eine neue, durchaus strenge Verfahrensweise im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Das Forschungsteam hofft, in der ersten Jahreshälfte 2022 den Abschlussbericht in Buchform vorzulegen.
Bistum: "Lassen Forschern völlig freie Hand"
Dem Bistum ist wichtig, dass den Forschern völlig freie Hand bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit gelassen werde. Nur so bestehe die Aussicht darauf, dass ihre Ergebnisse eine fundierte Grundlage für die dann erforderliche Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen sein können. Das sei das Bistum insbesondere den Betroffenen sexuellen Missbrauchs schuldig.
Eine der Fragen, die es zu beantworten gelte, sei die, wie es dazu kommen konnte, dass man die vom Missbrauch Betroffenen so ganz aus dem Blick gelassen habe.