
Die Lage in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte bleibt angespannt. Sie befinden sich im Spagat zwischen schwankenden Impfstoff-Lieferungen und Patient:innen, die einen Impftermin fordern, unbedingt und sofort. Die Ärzt:innen brauchen mehr Impfstoff, hieß es dazu auf Nachfrage von RADIO RST bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Die KVWL begrüßt die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Spahn, die Impf-Priorisierung zum 07. Juni aufzuheben.
Praxen zwischen Überlastung und Euphorie
Zahlreiche Ärzt:innen sind mittlerweile zu speziellen Impf-Sprechstunden übergegangen, Mittwoch nachmittags, Freitag nachmittags oder an Samstagen. Die Stimmung dort ist oft beinahe euphorisch, heißt es bei der KVWL. Wer endlich geimpft ist, sei mehr als erleichtert. Der Weg dorthin ist für Patient:innen wie Ärzt:innen oft weniger erfreulich: Für die Einen ist es das Dickicht der Terminbuchung, für die Anderen sind es Anrufe mit Nachfragen im Minutentakt.
Impfen in der Praxis als logistische Herausforderung
Niedergelassene Ärzt:innen sind Impf-Profis und kein System ist praxis-bewährter als ihres. Schwierig nur, wenn Termine bereits vergeben sind und der angekündigte Impfstoff dann nicht kommt oder nur deutlich weniger - ein Novum selbst für die Erfahrensten. Vorsichtig formuliert: Für die Ärzte ist es bisher nicht optimal gelaufen.
Offener Brief an zwei Gesundheitsminister
Einer hat seinem Unmut Luft gemacht und offene Briefe an gleich zwei Minister geschickt: NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn. Dr. Ekkehard Grützner parktiziert in Wettringen und ist, wie er schreibt, "stinksauer". Wie viellen Kolleg:innen geht es ihm um die Impfstoff-Verteilung. Grützner wirft den Entscheidern eine "populistische Hau-Ruck-Politik" vor und wittert Wahlkampf dahinter.
Impf-Entscheidungen als Wahlkampf-Taktik?
Nur so sei zu erklären, dass der Bundesgesundheitsminister verkündet habe, die Zeit zwischen Erst- und Zweit-Impfung könne von 12 Wochen auf sechs oder noch weniger verkürzt werden, damit ein Urlaub möglich werde. Dabei stehe fest, dass eine optimale Wirkung durch Impfungen in einem Intervall von 12 Wochen erreicht werde. Diese "populistische Mitteilungspolitik" riskiere sehenden Auges eine Wirksamkeitsverminderung des Impfstoffs und damit erhöhte Infiziertenzahlen und eventuell auch mehr Tote.
"AstraZeneca für Alle" nicht einzuhalten
Der "Gipfelpunkt des Mismanagements" ist für Grützner damit erreicht, dass Spahn angekündigt habe, die Vertragsarztpraxen könnten unbegrenzt Impfstoff von AstraZeneca bestellen - und das dann nicht eingehalten habe. Als Ressort-Chef hätte Spahn wissen müssen, wie groß die Bestellung sein würde, die von den 56.000 Hausärzten in Deutschland kommen würde, wenn sie plötzlich ungebremst bestellen könnten. Die Folge seien rationierte Lieferungen, unter denen alle zu leiden hätten, nicht nur die, die jetzt einen Urlaub in greifbarer Nähe vermuteten.
Kritik an Verteilung der Impfstoffe
Grützner kritisiert auch, dass Impfstoffe an Praxen geliefert werden, die mit Impfen bisher wenig zu tun hatten: Augenärzt:innen oder HNO-Ärzt:innen, beispielsweise. Eine seiner Patientinnen sei mit ihrem Schwiegersohn zum Frauenarzt gegangen, damit er geimpft werde, schreibt Grützner und fordert, dass solche "offensichtlichen Unwuchten" im System bereinigt werden. Grützner steht damit nicht allein da, auch, wenn er selbst seine offenen Briefe als Einzelaktion bezeichnet. Inhaltlich gibt die KVWL ihm zu 90% Recht, sagte uns ein Sprecher.
Besserung für Praxen in Sicht
Hoffnung macht der KVWL die angekündigte Aufhebung der Impf-Priorisierung: Damit könnten die Praxen ihre Stärken beim Impfen voll ausspielen. Ob die Impfzentren genau so gut damit fahren, werde allerdings spannend. Noch arbeiten die Teams dort sich nach Priorität durch die Berufsgruppen. Und selbst damit seien sie schon voll ausgelastet. Nicht zuletzt bleibt alles eine Frage des verfügbaren Impfstoffs.