
Die Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen erwartet eine Rezession um 3-4 Prozent durch den Corona-Shutdown. Die Experten haben das Wochenende durchgearbeitet, um Fragen von Unternehmern zu beantworten, vor allem zu den Soforthilfen für Kleinstunternehmen. Seit Freitagnachmittag haben zu Spitzenzeiten 30 IHK-Mitarbeiter Telefonate mit Firmen geführt. Mittlerweile sind es weit über 4.000 Gespräche. "Die Telefonate sind ein gutes Stimmungsbarometer", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Fritz Jaeckel.
3 bis 4 Milliarden Euro weniger Wirtschaftswachstum in der Region
Die Prognose der IHK orientiert sich am vorsichtigsten der drei Szenairen, die die Wirtschaftsweisen aufgestellt haben. Darin gehen die Berater der Bundesregierung davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr bundesweit um 2,8 Prozent zurückgeht - wenn es beim fünwöchigen Shutdown bleibt, also bis nach Ostern. Würden die Maßnahmen zum Eindämmen der Corona-Pandemie ab Juli weitgehend aufgehoben, sagen sie für nächstes Jahr ein Wachstum von 3,7 Prozent voraus. Der Einbruch durch die Corona-Krise wäre also mehr als wettgemacht. Dauern die Maßnahmen länger, erwarten sie einen Rückgang um 5,4 und eine Erholung um 4,9 Prozent im nächsten Jahr - unterm Strich also eine leichte Rezession. Bei einem noch längeren Shutdown prognostizieren sie -4,5 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr und nur ein Plus von 1 Prozent im nächsten Jahr. Dieser Einbruch wäre nicht mehr aufzuholen.
Unternehmen brauchen Planungssicherheit
Unternehmen brauchen verlässliche Daten für ihr Finanizerungskonzept. Die gibt es derzeit nicht, weil niemand weiß, wie lange die Kontaktsperre und alle anderen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus noch andauern. Anfragen bei der IHK drehen sich daher nicht nur um Soforthilfen. Anrufer sind auch Unternehmer, Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer.
75.000 Anträge erwartet
Bei etwa 160.000 Betrieben in der Region, für die Soforthilfen in Frage kämen, ist knapp jeder zweite antragsberechtigt. Einige hatten im März noch ganz normale Einnahmen. Schwieriger ist es für größere Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern. Sie bekommen statt Sorforthilfen Kredite, die sie zurückzahlen müssen, zum Beispiel bei der KfW-Bank oder der NRW-Bank. Für die Banken ist sowas schwer einzuschätzen, denn es geht um Geld, das Verluste ausgleicht, nicht um Investitionen, die sich irgendwann rentieren. Die IHK sieht da noch Nachbesserungsbedarf. Auch für größere Unternehmen seien Zuschüsse möglich, etwa durch eine Tilgungsfreistellung.
Gesundheit und Wirtschaft nicht gegen einander ausspielen
"Bis Ende April halten wir durch," sagt Jaeckel. Der 19. April sei ein klug gewählter Termin, um nochmal zu schauen, was zu tun ist. Am Ende gehe es um die Frage "Wann haben wir einen Impfstoff gegen den Coronavirus?". Von der Diskussion "Gesundheit oder Wirtschaft" hält Jaeckel nichts. Die Wirtschaft könne man erst dann wieder anfahren, wenn die Gesundheitslage das rechtfertige - also nicht bevor die Ansteckungszahlen zurückgehen. Weitere Kriterien seien eine ausreichende Zahl an Intensivbetten und dass die Medizin schwere Krankheitsverläufe in den Griff bekomme. Jetzt müsse man das Maximale tun, um den Erkrankten zu helfen.
Keine Diskussion über Exitstrategieen
"Kein vernünftiger Mensch redet derzeit über Exitstrategien", sagt der IHK-Chef, auch wenn schon jetzt klar sei, dass der Weg zurück zur Normalität nicht einfach wird. Für Jaeckel steht fest: "Auch nach der Corona-Krise werden die Leute das Geld nicht mit vollen Händen ausgeben, denn die Kurzarbeit führt zu erheblichen Einkommenseinbußen." Noch helfe ein starkes Exportgeschäft der Region durch die Krise. Einige Geschäfte liefen weiter wie bisher. Jaeckel wäre allerdings kein IHK-Hauptgeschäftsführer, wenn er nicht auch das sagen würde: "Wenn der komplexe Wirtschaftsmotor länger stockt, wird es schwierig."