
#ichbinkeinvirus
Jeden Mittwoch sprechen wir in "Think Global - Act Local" über Themen in der Welt, die auch uns in der RADIO RST-Region betreffen und bewegen. Diesen Mittwoch geht es um Menschen, die wegen des Coronavirus einen Bogen um Chinesen machen und deren Reaktion darauf.
Veröffentlicht: Dienstag, 11.02.2020 11:14
In China sind mehr als 42.000 Menschen am Coronavirus erkrankt. Mehr als 1.000 Tote sind zu beklagen. Die Epidemie bremst öffentliches Leben und Wirtschaft in weiten Teilen des Landes aus, große Städte und ganze Landstriche sind abgeriegelt. In der Provinz Wuhan, von wo die Epidemie ausging, geht fast gar nichts mehr. Und hier in Europa?
In Deutschland sind Rückkehrer aus China in Quarantäne - 122 in Süddeutschland, 20 in Berlin. Einige im rheinland-pfälzischen Germersheim sind krank, allerdings nicht schwer.
Kein Kontakt zu Corona-Kranken in Deutschland
Im öffentlichen Leben in Deutschland besteht nach jetzigen Erkenntnissen keine Gefahr, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Trotzdem das: Leute, wechseln im Bus oder Zug den Platz, wenn Chinesen oder andere Menschen asiatischen Aussehens zusteigen. Sie gehen im Supermarkt auf Abstand, machen einen Bogen oder halten sich den Schal vor den Mund. Deutschland ist kein Einzelfall. Auch in anderen europäischen Ländern meiden Menschen Asiaten.
#ichbinkeinvirus
Unter #ichbinkeinvirus, #IamNotAVirus oder #jenesuisunvirus berichten Asiaten in vielen Ländern Europas über das neue Phänomen. Doch was steckt dahinter? Angst? Unwissenheit? Oder Rassismus? Ling vom Restaurant Madame Pan in Emsdetten hat selbst noch keine Ausgrenzung im Zusammenhang mit dem Coronavirus erlebt. Ihre Gäste sind wie immer und es kommen auch nicht weniger als vorher, berichtet sie.
Ling: Chinesen sind in Deutschland gern gesehene Menschen
Dass es in größeren Städten anders aussieht, weiß sie aus den sozialen Medien. Nachvollziehen kann sie es nicht. "Meine Gäste gehen ganz entspannt mit dem Thema um," sagt Ling. Schließlich sei die Chance, in Deutschland an Grippe zu sterben, deutlich größer.
Vater sagt: Mach dir nicht zuviele Sorgen
Ling ist in ständigem Kontakt zu China, denn ihr Vater wohnt in Hangzhou, eine halbe Stunde mit dem Zug von Shanghai entfernt. Bis nach Wuhan, von wo die Corona-Epidemie sich ausgebreitet hat, sind es fast 800 Kilometer von Hangzhou. Trotzdem ist auch diese Stadt abgeriegelt. Der Vater sagt: "Mach dir nicht zuviele Sorgen." Zu kaufen gebe es auch noch alles zu ganz normalen Preisen. Und auch sonst sei es für die Menschen in den abgeriegelten Bereichen in China nicht so schlimm, wie es hier bei uns oft geschildert wird, meint Ling.
Andernfalls wäre der Vater schon geflüchtet
Lings Vater könnte ja zurück nach Deutschland kommen, sagt sie. Dass er es nicht tut, beruhigt sie. Ling findet die Berichterstattung oft übetrtrieben. Auch das ein möglicher Grund für viele Überreaktionen in Deutschland und anderswo in Europa.
Hier geht es zum Podcast mit Ling.
Experte: Das Meiste läuft unbewusst ab
"Vieles passiert spontan aus der Situation heraus und ist nicht wirklich reflektiert," sagt der Sozialpsychologe Gerald Echterhoff von der Uni Münster. Die Begegnung tiggert praktisch die letzten Eindrücke, zum Beispiel Bilder von Chinesen mit Gesichtsschutz. Wie wir die einordnen, hängt auch von der Art der Berichterstattung in den Medien ab. Wer mehr nachdenkt, neigt weniger zu Überreaktionen. Unter Alltagsbedingungen allerdings, abgelenkt und nicht ganz bei der Sache, kommt es auch zu unüberlegtem Verhalten.
Also alles gar nicht so böse gemeint?
Es gibt auch einen anderen Erklärungs-Ansatz - und der klingt weniger nett. Es liegt nicht nur daran, dass Abwehr von Gefahren bei uns im Gehirn immer schon "Prio Nummer eins" hat, sondern auch daran, dass wir Kambodschaner, Koreaner, Japaner und Chinesen schlicht nicht unterscheiden, weil sie uns nicht vertraut genug sind. Es kommt dazu, das Jemand Alle in einen Topf wirft - eine Über-Generalisierung, sagt der Experte. Dazu kommen zwei Faktoren mit dem Zeug dazu, diese noch zu verstärken. Erstens: Ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber bestimmten sozialen Gruppen oder sogar Abscheu gegenüber Fremdem. Zweitens: Das Bedürfnis, sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen, vielleicht, weil man selbst zu einer benachteiligten Gruppe gehört oder sich ausgegrenzt fühlt. Da verlassen wir das Unbewusste - und das ist keine schöne Vorstellung.
