Die Zukunft der beiden Kirchen

Im Spagat zwischen gestern und morgen

Die Zahl der Kirchenaustritte kennt nur noch eine Richtung: aufwärts - auch in der RADIO RST-Region. Im Kreis Steinfurt und in Münster und Osnabrück zusammen gerechnet haben in den letzten drei Jahren 16.931 Menschen ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Gäbe es eine Landkarte für sowas, wäre eine Stadt in der Größenordnung von Ochtrup fast weg. Die negativen Schlagzeilen der letzten Zeit machen der Kirche - und genauso ihren Mitgliedern - schwer zu schaffen. Es fing an mit sinkenden Kirchensteuer-Einnahmen. Nach der Finanzkrise hieß es auch in den Bistümern und evangelischen Kirchenkreisen hier bei uns "Wir müssen den Gürtel enger schnallen." Gemeinden wurden zusammen gelegt - auch wegen des Priestermangels.

Und dann kam der Missbrauchs-Skandal

Vor 10 Jahren, im Januar 2010, hat der Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche für ein mediales Erdbeben gesorgt. Seitdem reißen die Negativ-Schlagzeilen nicht ab. Der Urknall des Skandals geht auf die Vorgänge am Berliner Canisius-Kolleg zurück. Sie wurden öffentlich, als drei Ehemalige das Gespräch mit dem Schulleiter suchten. Der Pater schrieb einen Brief an ehemalige Schüler der 1970-er und 80-er Jahre und rief sie auf, sich zu melden, wenn auch ihnen sowas passiert war. Er wusste nicht, was er damit lostrat. Einen größeren Vertauensverlust hat die Kirche in jüngerer Zeit nicht erlebt. Die evangelische Kirche trifft es genauso, wie die katholische. Das und weitere Skandale, wie der um ausufernde Baukosten im Bistum Limburg und den dortigen Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, taten ihr übriges.

Sinkende Mitgliederzahlen - steigende Kirchensteuer-Einnahmen

Was auf den ersten Blick paradox erscheint, hat seine innere Logik: Auch wenn beide Kirchen Mitglieder verlieren - auf der Einahme-Seite sieht es wieder gut aus, besser als in den Jahren davor. Es haben soviele Menschen Arbeit, wie noch nie. Also gibt es auch soviele Kirchensteuer-Zahler, wie noch nie. Außerdem sind die Gehälter allgemein gestiegen und damit der Kirchensteueranteil. 2018 war ein Rekordjahr der Staatsleistungen.

Warmer Regen wird nicht anhalten

Beide Kirchen wissen schon: Dabei bleibt es nicht - und das kommt nicht allein durch die Kirchenaustritte. Entscheidend ist die demographische Entwicklung. Bis 2060 wird die Zahl der Kirchenmitglieder sich bundesweit halbiert haben. Bis dahin sind die Babyboomer weg und es kommen deutlich weniger junge Menschen nach, die schon in der Familie Glauben und Kirche vermittelt bekommen haben. Deutlich weniger Menschen werden Kirchensteuer zahlen.

Wie wichtig ist Kirche in Zukunft?

"Wichtig," sagen Kirchen-Befürworter. "Unwichtig," sagen Kirchen-Gegner. Die Diskussion über die Kirchenfinanzierung ist wieder da. Wozu Staatsleistungen, wenn die gesellschaftliche Relevanz abnimmt? Die alte Frage bekommt neue Schärfe, wird zur Existenzfrage. Ohne Moos nix los. Noch sieht es nicht danach aus, dass die Kirchensteuer kippt. Zu bequem haben Staat und Kirchen es sich in dem System eingerichtet. Der Staat gibt Geld, die Kirchen unterhalten Einrichtungen, die sonst die öffentliche Hand mehr belasten würden.

Ein bisschen Geschichte

Neben der Kirchensteuer gibt es weitere staatliche Leistungen an die Kirchen. Der Staat hat sie eingeführt, in Zeiten knapper Kassen, als kein Geld da war, um die Kirchen zu entschädigen für die Enteignung ihrer Ländereien und Liegenschaften im Jahr 1803. Seit der Weimarer Verfassung - also seit hundert Jahren - dürfte es sie eigentlich nicht mehr geben. Ob schon genug gezahlt wurde oder wie lange noch, weiß keiner. Zu wenig ist aktenmäßig festgehalten über den Wert der kirchlichen Güter oder darüber, was schon abgegolten ist.

Staatsleistungen als Dauer-Abo?

Einige Bischöfe sind selbst keine Fans der Staatsleistungen mehr, der Staat möglicherweise auch nicht, man weiß es nicht. Anstalten, was zu ändern, machen beide Seiten nicht, zumindest nicht offensichtlich. "Der Ball liegt im Spielfeld des Staates," heißt es bei der Kirche - und weiter: "Wir würden den Ausstieg mittragen." Im Bistum Münster machen die Staatsleistungen 0,4% des Haushalts-Volumens aus. Bei einem Gesamtvolumen von 345,52 Millionen Euro für 2020 macht das 1.382.080 Millionen aus, anscheinend verzichtbar. Allerdings sei der Bund am Zug, erstmal die nötigen Gesetze zu erlassen, die die Landesregierungen dann umzusetzen hätten.

Kirchen-Kritiker fordern ein Ende der Privilegien

Für sie ist es nicht zu erklären, warum der Staat die Kirche überhaupt unterstützt. Andere Großkonzerne müssten ihr Geld auch selbst erwirtschaften. Das Modell der Zukunft ist vielleicht eine neue Art der Steuererklärung, in der der Steuerzahler ankreuzt, welche Institution oder caritative Einrichtung er mit einem vorgegebenen Anteil seines Gehalts unterstützt. Vorbei wäre damit zumindest die Zeit der Kirchenaustritte aus Geldgründen. Verloren gegangenes Vertrauen ist ein anderes Thema.

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