
Anders als beim Gros der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche geht es diesmal nicht um einen Geistlichen, sondern um den langjährigen Referats-Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatung im Bistum Osnabrück. Die Vorwürfe seien bis zum Ausscheiden des Mannes 1996 nicht an die Bistumsleitung herangetragen worden und auch der zurückgetretene Bischof Bode habe erst Ende der 90er davon erfahren. Eine konsequente Aufklärung der Vorwürfe habe es nicht gegeben, was Bode zugibt.
Hohes Ansehen und eine Art „Narrenfreiheit“
Der Referats-Leiter leitete auch selbst eine Beratungsstelle. Er galt als Koryphäe auf dem Gebiet der Verzahnung von Theologie und Psychoanalyse. S. habe hohes Ansehen und eine Art „Narrenfreiheit“ genossen und dies ausgenutzt. Außerdem habe er zu Unrecht einen Doktortitel geführt.
Machtposition ausgenutzt
S. habe die durch seine Position verliehene Macht auf vielfältige Weise missbraucht und gegen Mitarbeitende und Klient:innen verschiedene Formen von Gewalt ausgeübt, heißt es in der Mitteilung des Bistums. Betroffene hätten von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt durch S. berichtet. Er habe immer wieder seine Rollen als Vorgesetzter, Therapeut und Ausbildungsleiter vermischt und Vertrauensverhältnisse ausgenutzt und missbraucht. Das in den Gesprächen erworbene Wissen habe er genutzt, um sich ein Netz von Abhängigkeiten zu schaffen und Macht über die Betroffenen auszuüben.
Missbrauch im System S.
So entstand ein familienähnliches geschlossenes System, zu dem nur Zugang hatte, wer seinen Vorstellungen entsprach. S. habe Klienten und Schulungsteilnehmer in Gruppensituationen gedemütigt und auch gegen ihren Willen zu Handlungen gezwungen. Dabei sei es auch zu körperlicher Gewalt gekommen. Nicht wenige Mitarbeiter hätten vor ihm und seinen Reaktionen Angst gehabt. Mehrere Betroffene berichteten, von S. sexuell missbraucht worden zu sein. Auch ein möglicher geistlicher Missbrauch steht im Raum. Unter den Betroffenen befinden sich Frauen und Männer, darunter auch Geistliche und Priesteramtskandidaten.