Sören Harting
Am Morgen
 

Die Kohle-Story bei RADIO RST



Foto: RAG

 

 

Ende des Jahres geht in Ibbenbüren die jahrhunderte-alte Bergbau-Geschichte zu Ende. Anfang Dezember (04.12.) holen die Kumpel der Zeche zum letzten Mal Kohle aus dem Berg. 820.000 Tonnen sollen es dieses Jahr insgesamt nochmal sein. Dann ist Schluss mit Kohleförderung in Ibbenbüren – Kohle-Ausstieg. Obwohl noch bis 2027 genug Kohle da wäre.

Die Bergbau-Region im Tecklenburger Land bereitet sich seit Jahren darauf vor.

Ende März letzten Jahres gab es in fast 1.600 Metern Tiefe unter Ibbenbüren-Bockraden den letzten „Durchschlag“: zwei Stollen wurden miteinander verbunden – die letzte Aktion dieser Art bundesweit.

Zwei Zechen sind noch in Betrieb: Prosper Haniel in Bottrop und die RAG Anthrazit in Ibbenbüren. 2019 beginnt in Deutschland die neue Ära nach der Steinkohle. Braunkohle wird noch länger abgebaut - solange der politische Rückhalt besteht.

Geredet wurde genug. Kaum ein anderes Thema ist in der RADIO RST-Region so heiß diskutiert worden wie die Zukunft des Kohlebergbaus – rauf bis auf höchste politische Ebenen. Unterstützung aus der Politik hat es für die Kohle immer genug gegeben, über Parteigrenzen hinweg, in unterschiedlichen Konstellationen und mit viel Hin und Her. Alles mit Rang und Namen war da. Ortstermine in Ibbenbüren und sogar unter Tage einerseits, Vorstöße aus der Region für einen der wichtigsten Arbeitgeber andererseits. Wovon es mehr gab? Schwer zu sagen.

Nicht nur die Industrie-Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie hat sich gegen den „Auslaufbergbau“ gestemmt. Es gab zigtausend Unterschriften für den Erhalt der Zeche, Podiumsdiskussionen, Kohlegipfel, Demos, Mahnwachen, Kundgebungen – auch überregional, mit zehntausenden Kumpeln.

Gleichzeitig, mit weniger Getöse, fing die Region an, Pläne zu schmieden für die Zeit nach der Kohle. Kein Bergmann soll „ins Bergfreie fallen“. Die Region, wirtschaftlich gesehen, auch nicht. Kein leichter Auftrag, wenn es um das Ende einer ganzen Tradition geht und gleichzeitig um einen Strukturwandel, der Seinesgleichen sucht. Auf den ersten Blick sowas, wie die Textilkrise in den 80ern.

Aber von Anfang an: Warum das alles?

Schon seit acht Jahren ist klar: Ende 2018 ist endgültig Schluss mit dem Steinkohlebergbau. Daran haben auch spätere Vorstöße aus Politik und Wirtschaft nichts geändert.

Heimische Kohle ist nicht konkurrenzfähig gegenüber Importkohle aus dem Tagebau in Australien, Südafrika oder Südamerika. Die Ibbenbürener Zeche gehörte in der großen Diskussion schon immer zur Verhandlungsmasse. Auch die besonders gute Qualität der Ibbenbürener Anthrazitkohle hat davor nicht geschützt, wegen der hohen Förderkosten aus 1.500 Metern Tiefe. Ibbenbüren ist halt Europas tiefster Schacht. Dort eine Tonne Kohle zu fördern, ist etwa doppelt so teuer wie die Weltmarktkohle. Damit ist Ibbenbüren zwar noch die kostengünstigste Schachtanlage in Deutschland. Selbst das bedeutet aber noch Subventionen für 75% der Förderung. Rationalisierung und Automation haben die Kosten gesenkt – nur nicht genug. Auch, dass direkt neben der Zeche das Kraftwerk ist, hat nicht geholfen. Milliardenschwere Kohlesubventionen für den deutschen Steinkohlebergbau sind über die Jahre immer kleiner ausgefallen.

In gleichem Maße schrumpfte der Bergbau. Eine deutsche Zeche nach der anderen musste schließen und die in Ibbenbüren wurde immer kleiner. In den 50er Jahren haben dort 8.000 Bergleute Kohle abgebaut, vor zehn Jahren waren es zwei-einhalb tausend, vor einem Jahr 1.250, mittlerweile sind es noch 600. Und das, nachdem die Zeche in Ibbenbüren hunderte Kumpel aus dem Saarland aufgenommen hat, als deren Zechen schlossen. Massenentlassungen hat es nie gegeben aber über die Jahre sind immer weniger Kumpel eingefahren.

Zwischendurch gab es Hoffnung: Die SPD wollte einen Sockelbergbau nach 2018 an zwei bis drei Standorten. Argument: „Wir müssen den Zugang zu den heimischen Lagerstätten offen halten. Wenn der Bergbau in kleinem Rahmen weiter läuft, bleibt unser Bergbau-Know-How erhalten. Einen brachliegenden Bergbau wieder hochzufahren, würde mehr als eine Milliarde €uro kosten und es würde mindestens 15 Jahre dauern, bis in Deutschland wieder Kohle gefördert werden könnte.“ Damit standen die Sozialdemokraten allerdings allein da.

Und die Dinge haben sich geändert – grundlegender als zu erwarten war. Atomausstieg als Reaktion auf den Super-GAU von Fukushima, Klimawandel, neues Umweltbewusstsein, der Aufstieg der erneuerbaren Energien - das Argument „Kohle ist eine wichtige Energiereserve – wir müssen unabhängig bleiben“ zog zuletzt nicht mehr. Verschiedene Ausstiegs-Szenarien und auch alternative Ausstiegs-Zeitpunkte rückten immer weiter an den Rand.

Inzwischen hat der Energiemarkt sich verändert. Die Zeche könnte auch ohne Beihilfen weiter fördern. Allerdings müsste die RAG dann rückwirkend bis 2007 die Subventionen zurückzahlen – und das ist nach Aussage der Geschäftsleitung nicht möglich.

Jetzt also Schluss mit Bergbau, sozialverträglicher Kohle-Ausstieg, Konversion. In der Zeche laufen die Vorarbeiten für die „Zeit danach“. Das Kraftwerk kann mit Weltmarktkohle weiter laufen. Und die Bergbau-Region um Ibbenbüren, Mettingen, Recke, Westerkappeln, Hopsten und Hörstel? Jahrzehntelang war die Zeche der größte Arbeitgeber in der Region, nicht zuletzt durch die vielen Wirtschaftszweige, die dem Bergbau angeschlossen sind, mit tausenden Beschäftigten. In den Bergbau-Gemeinden halten sie zusammen und sie sind optimistisch. Strukturwandel hat es in der Region im Grunde immer gegeben. „Wir wissen, wie es geht“, sagt Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer. Darum sei er ganz ruhig, dass die Vermarktung weiter klappt. Außerdem habe das Zechengelände ein wirklich unfassbares Flächenpotenzial: 70 Hektar zusammenhängende, industriell vorgeprägte Fläche, verkehrlich gut erschlossen, außerhalb der Stadt. Das gebe es sonst nirgendwo in Nordrhein Westfalen.








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Ende des Jahres geht in Ibbenbüren die jahrhunderte-alte Bergbau-Geschichte zu Ende. Anfang Dezember (04.12.) holen die Kumpel der Zeche zum letzten Mal Kohle aus dem Berg. 820.000 Tonnen sollen es dieses Jahr insgesamt nochmal sein. Dann ist Schluss mit Kohleförderung in Ibbenbüren – Kohle-Ausstieg. Obwohl noch bis 2027 genug Kohle da wäre.

Die Bergbau-Region im Tecklenburger Land bereitet sich seit Jahren darauf vor.

Ende März letzten Jahres gab es in fast 1.600 Metern Tiefe unter Ibbenbüren-Bockraden den letzten „Durchschlag“: zwei Stollen wurden miteinander verbunden – die letzte Aktion dieser Art bundesweit.

Zwei Zechen sind noch in Betrieb: Prosper Haniel in Bottrop und die RAG Anthrazit in Ibbenbüren. 2019 beginnt in Deutschland die neue Ära nach der Steinkohle. Braunkohle wird noch länger abgebaut - solange der politische Rückhalt besteht.

Geredet wurde genug. Kaum ein anderes Thema ist in der RADIO RST-Region so heiß diskutiert worden wie die Zukunft des Kohlebergbaus – rauf bis auf höchste politische Ebenen. Unterstützung aus der Politik hat es für die Kohle immer genug gegeben, über Parteigrenzen hinweg, in unterschiedlichen Konstellationen und mit viel Hin und Her. Alles mit Rang und Namen war da. Ortstermine in Ibbenbüren und sogar unter Tage einerseits, Vorstöße aus der Region für einen der wichtigsten Arbeitgeber andererseits. Wovon es mehr gab? Schwer zu sagen.

Nicht nur die Industrie-Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie hat sich gegen den „Auslaufbergbau“ gestemmt. Es gab zigtausend Unterschriften für den Erhalt der Zeche, Podiumsdiskussionen, Kohlegipfel, Demos, Mahnwachen, Kundgebungen – auch überregional, mit zehntausenden Kumpeln.

Gleichzeitig, mit weniger Getöse, fing die Region an, Pläne zu schmieden für die Zeit nach der Kohle. Kein Bergmann soll „ins Bergfreie fallen“. Die Region, wirtschaftlich gesehen, auch nicht. Kein leichter Auftrag, wenn es um das Ende einer ganzen Tradition geht und gleichzeitig um einen Strukturwandel, der Seinesgleichen sucht. Auf den ersten Blick sowas, wie die Textilkrise in den 80ern.

Aber von Anfang an: Warum das alles?

Schon seit acht Jahren ist klar: Ende 2018 ist endgültig Schluss mit dem Steinkohlebergbau. Daran haben auch spätere Vorstöße aus Politik und Wirtschaft nichts geändert.

Heimische Kohle ist nicht konkurrenzfähig gegenüber Importkohle aus dem Tagebau in Australien, Südafrika oder Südamerika. Die Ibbenbürener Zeche gehörte in der großen Diskussion schon immer zur Verhandlungsmasse. Auch die besonders gute Qualität der Ibbenbürener Anthrazitkohle hat davor nicht geschützt, wegen der hohen Förderkosten aus 1.500 Metern Tiefe. Ibbenbüren ist halt Europas tiefster Schacht. Dort eine Tonne Kohle zu fördern, ist etwa doppelt so teuer wie die Weltmarktkohle. Damit ist Ibbenbüren zwar noch die kostengünstigste Schachtanlage in Deutschland. Selbst das bedeutet aber noch Subventionen für 75% der Förderung. Rationalisierung und Automation haben die Kosten gesenkt – nur nicht genug. Auch, dass direkt neben der Zeche das Kraftwerk ist, hat nicht geholfen. Milliardenschwere Kohlesubventionen für den deutschen Steinkohlebergbau sind über die Jahre immer kleiner ausgefallen.

In gleichem Maße schrumpfte der Bergbau. Eine deutsche Zeche nach der anderen musste schließen und die in Ibbenbüren wurde immer kleiner. In den 50er Jahren haben dort 8.000 Bergleute Kohle abgebaut, vor zehn Jahren waren es zwei-einhalb tausend, vor einem Jahr 1.250, mittlerweile sind es noch 600. Und das, nachdem die Zeche in Ibbenbüren hunderte Kumpel aus dem Saarland aufgenommen hat, als deren Zechen schlossen. Massenentlassungen hat es nie gegeben aber über die Jahre sind immer weniger Kumpel eingefahren.

Zwischendurch gab es Hoffnung: Die SPD wollte einen Sockelbergbau nach 2018 an zwei bis drei Standorten. Argument: „Wir müssen den Zugang zu den heimischen Lagerstätten offen halten. Wenn der Bergbau in kleinem Rahmen weiter läuft, bleibt unser Bergbau-Know-How erhalten. Einen brachliegenden Bergbau wieder hochzufahren, würde mehr als eine Milliarde €uro kosten und es würde mindestens 15 Jahre dauern, bis in Deutschland wieder Kohle gefördert werden könnte.“ Damit standen die Sozialdemokraten allerdings allein da.

Und die Dinge haben sich geändert – grundlegender als zu erwarten war. Atomausstieg als Reaktion auf den Super-GAU von Fukushima, Klimawandel, neues Umweltbewusstsein, der Aufstieg der erneuerbaren Energien - das Argument „Kohle ist eine wichtige Energiereserve – wir müssen unabhängig bleiben“ zog zuletzt nicht mehr. Verschiedene Ausstiegs-Szenarien und auch alternative Ausstiegs-Zeitpunkte rückten immer weiter an den Rand.

Inzwischen hat der Energiemarkt sich verändert. Die Zeche könnte auch ohne Beihilfen weiter fördern. Allerdings müsste die RAG dann rückwirkend bis 2007 die Subventionen zurückzahlen – und das ist nach Aussage der Geschäftsleitung nicht möglich.

Jetzt also Schluss mit Bergbau, sozialverträglicher Kohle-Ausstieg, Konversion. In der Zeche laufen die Vorarbeiten für die „Zeit danach“. Das Kraftwerk kann mit Weltmarktkohle weiter laufen. Und die Bergbau-Region um Ibbenbüren, Mettingen, Recke, Westerkappeln, Hopsten und Hörstel? Jahrzehntelang war die Zeche der größte Arbeitgeber in der Region, nicht zuletzt durch die vielen Wirtschaftszweige, die dem Bergbau angeschlossen sind, mit tausenden Beschäftigten. In den Bergbau-Gemeinden halten sie zusammen und sie sind optimistisch. Strukturwandel hat es in der Region im Grunde immer gegeben. „Wir wissen, wie es geht“, sagt Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer. Darum sei er ganz ruhig, dass die Vermarktung weiter klappt. Außerdem habe das Zechengelände ein wirklich unfassbares Flächenpotenzial: 70 Hektar zusammenhängende, industriell vorgeprägte Fläche, verkehrlich gut erschlossen, außerhalb der Stadt. Das gebe es sonst nirgendwo in Nordrhein Westfalen.